Von der experimentellen Zeichenspur zum Menschbild

Ein Beitrag der Schülerakademie Kunst zur Ausstellung „Natzweiler: Spuren / Traces“ in Stuttgart

Betreuender Lehrer: Wolfgang Ebert

Im Einladungsflyer zur Ausstellung, die anlässlich des Kulturerbejahres 2018 feierlich im Haus der Wirtschaft in Stuttgart eröffnet wurde, heißt es: „Knapp 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges beginnen seine Spuren in unserer Umwelt und unseren Köpfen langsam zu verblassen. Die Ausstellung „Natzweiler: Spuren/Traces“ nimmt das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler mit seinen über 50 Außenlagern auf beiden Seiten des Rheins in den Blick.“ Dieser Blick war deutsch-französisch, er nutzte vielseitige Ausdrucksformen und ermöglichte so eine Begegnung auf verschiedenen Ebenen mit dem vereinenden Ziel, dem Unaussprechlichen eine menschliche Form zu geben.

  • 1Stuttgart
  • 2Stuttgart
  • 3Stuttgart

Simple Image Gallery Extended


Neben einem pädagogischen Fotoprojekt organisierten die Künstlergruppen Plakat Wand Kunst und Quinz’Art unter der Leitung von Luc Demissy ein Symposium, bei dem 32 Künstler aufgeteilt in 16 deutsch-französische Paare 16 große Wandgemälde zum Thema Brüderlichkeit/ Fraternité schufen. Ein Teil dieser Künstler begleitete wiederum deutsche und französische Schulklassen beim Besuch eines der ehemaligen Außenlager, um schließlich eine künstlerische Sprache zu finden, in der sich die Jugendlichen einer schwierigen Frage nähern könnten: Was bleibt von der Erinnerung an das Schicksal der Häftlinge?

Die Schülerinnen und Schüler der Kunstprofilklasse 10c und 10d besuchten die Gedenkstätte Vulkan in Haslach. Dort wurden wir von Herrn Fuß, dem Vorsitzenden der Gedenkstätte, sehr einfühlsam mit Wort und Bild geführt. Als Zeitzeuge erzählte Herr Gleissle von seinen Erfahrungen als fünfjähriger Junge in Haslach. Eindrücke und Erinnerungen, die für ihn so präsent waren „als sei es erst gestern gewesen.“

 

  • 1Haslach
  • 2_Haslach
  • 3Haslach

Simple Image Gallery Extended

Die zeichnerische Annäherung an ein schwieriges Thema

In einem Werkstattbuch haben die Schüler den künstlerischen Prozess und seine Verbindung mit der Frage „Was bleibt“ reflektiert. Im Folgenden ein Auszug:

„Ich halte es für unmöglich, die innere Komplexität und das Leiden der Menschen, dass es zur Zeit des NS-Regimes in einem mir selbst kaum begreiflichen Ausmaß gab, in einem einzigen Bild zu erfassen. Diesen Anspruch an mein Bild musste ich direkt zu Beginn verwerfen. Ich glaube, je weniger ich mich auf den Anspruch dieses sehr erdrückenden und wichtigen Themas versteife, umso besser kann ich mich auf die Arbeit mit dem von mir gewählten Mittel konzentrieren, um aus und mit dessen Formensprache Gefühle und Menschenbilder zu entwickeln und in gewisser Weise zu verstehen. Durch die Art, die Linie zu führen, sie beispielsweise breiter oder schmaler zu halten oder durch den individuellen Zufall des Mittels können Menschenbilder entstehen, die ganz unterschiedliche Haltungen annehmen, die ganz unterschiedliche innere Regungen offenbaren. Dieser Zugang zur inneren Gefühlswelt aufgrund der Körpersprache kann helfen, ein Verständnis für das Innere des Menschen zu bilden. Ich glaube auch, dass wir das, was aus der Zeit des Nationalsozialismus noch bleibt, erst dann verstehen, wenn wir Menschen und deren inneren Haltungen - auch unsere selbst - verstehen, wenn uns selbst bewusst ist, was mit den Menschen zu dieser Zeit passiert ist, weil uns so nur klarwerden kann, was wir tun können und müssen, um solch eine Zeit nie durchleben zu müssen.“ (Paul Kron)

„Was mich an die Zeit des Haslacher Lagers erinnert, sind die Gefühle, welche über Generationen hinweg überlebten. Noch heute ist, was zu dieser Zeit geschah, eine Geschichte voller Emotionen wie Traurigkeit, Furcht oder Schrecken, welche auch mit Kunst festgehalten, überliefert und somit unvergessen gemacht werden können.

Wie bei einem Gemälde alles mit einer leeren Leinwand beginnt und sich langsam entwickelt, so möchte ich auch Menschen begegnen und kennenlernen. Jeder ist ein unbemaltes Blatt und jeder Mensch ist individuell und einzigartig. Alle Beziehungen entwickeln sich mit der Zeit.

Ich möchte offen sein und den Menschen an sich sehen.

Niemals wegschauen.“ (Anna Stöckle)

  • 1_Evelyn_Baßler
  • 2_Florian_Baßler
  • 3_Nele_Hentschel
  • 4_Sascha_Berger

Simple Image Gallery Extended

Die Verleihung des Kulturerbesiegels an die Vorsitzenden der Gedenkstätten wurde von einer Podiumsdiskussion und nicht zuletzt von einer umfangreichen und vielseitigen Ausstellung gerahmt: das pädagogische Fotoprojekt, 6 der 16 Plakatwände sowie eine Auswahl der Schülerarbeiten, die in Verbindung mit dem Besuch eines der Außenlager entstanden waren. Schon beim Betreten der Ausstellung fiel der Blick des Betrachters auf die 11 Werke der Schüler des Gymnasiums Achern. Der Versuch, sich dem schwierigen Thema nicht illustrativ zu nähern, sondern die Form und den Ausdruck der vom Schicksal gezeichneten Menschen aus den Möglichkeiten des verwendeten Zeichenmittels zu entwickeln, wurde von vielen Besuchern gelobt: „Hut ab. Das sind mit Abstand die eindrucksvollsten Arbeiten.“

 

  • 10_Sascha_2_b
  • 11_Wächter_1
  • 12_Köpfe
  • 13_Anna_1_b
  • 1_Paul_1
  • 2_Lara_1
  • 3_Lara_2_b
  • 4_Lara_3_b
  • 5_Nele_2_b
  • 6_Chiara_1_b
  • 7_Florian_1_a
  • 8_Rouven_1_b
  • 9_Sascha_1_b

Simple Image Gallery Extended