Auch dieses Jahr durften die Schüler der neunten Klassen nun schon zum vierten Mal in Folge an einer „Geschichtsstunde der besonderen Art“ teilnehmen: dem DDR-Zeitzeugengespräch. Um den Schülern von ihren Erlebnissen wie Flucht, Zuchthaus, „Knastschach“ und dem Leben in der DDR zu berichten, scheuten die beiden Zeitzeugen Hartwig Kluge aus Freiburg und Dr. Konrad Staiger aus Achern auch in diesem Jahr wieder keine Mühen. Ihnen ist es immer wieder ein persönliches Anliegen vor allem jungen Menschen deutlich zu machen, wie hoch man Rechte wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und die Möglichkeit problemlos Nachbarländer, völlig ohne Grenzkontrollen zu bereisen, schätzen sollte. Schulleiter Stefan Weih machte in seiner kurzen Begrüßung den Schülern bereits deutlich, dass scheinbare Selbstverständlichkeiten wie die freie Meinungsäußerung, der Besuch von Nachbarländern, ohne Grenzkontrollen durchlaufen zu müssen oder einfach werden zu dürfen was wir wollen, in der DDR alles andere als normal waren.

Schließlich folgte der Vortrag von Herrn Kluge, der 1947 in Halle an der Saale geboren wurde. Er berichtete von der Zeit des Mauerbaus, inder die Mauer erst als„harmlos gewirkt habe, dann aber zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden war. Eindringlich schilderte er auch die perfide Grenzanlage, die aus einer 3,6 Meter hohen Mauer, Signalzäunen und Signaldrähten, die mit Selbstschussanlagen verbunden waren, bestand. Zusätzlich wurde der Grenzstreifen noch von Wachhunden und bewaffneten Soldaten bewacht und war auch nachts taghell erleuchtet. Trotz der unmenschlichen Sicherung der Grenze versuchte Herr Kluge, mit Hilfe von Bekannten aus Ungarn, mit denen er über fingierte Postkarten in Kontakt stand, über die ungarische Grenze nach Österreich zu fliehen. 

Denn aufgrund seiner politischen Einstellung und einigen in der DDR als unangemessen geltenden Äußerungen und Verhaltensweisen wurde ihm nach dem Abitur, obwohl er sehr gute Noten und sportliche Leistungen vorweisen konnte, ein Studium verwehrt. Diesen Schicksalsschlag musste Herr Kluge durch die Staatssicherheit (Stasi) hinnehmen,die durch ihre inoffiziellen Mitarbeitet (IMs), über „untreue Bürger“ wie Herrn Kluge informiert wurde. Herr Kluge sah nicht zuletzt, weil ihm seine beruflichen Ziele und Wünsche verwehrt blieben, keine Zukunft mehr in der DDR. Mit der Hilfe der ungarischen Bekannten wollte er am dritten Januar 1969 über die Grenze nach Österreich fliehen, wurde jedoch gefasst und kam daraufhin ins Zuchthaus. Ab diesem Zeitpunkt war Herr Kluge „nur noch eine Nummer“. Es wurde ihm untersagt Liegestützen zu machen und er musste bei Licht auf dem Rücken schlafen. Er wurde über 22-Mal verhört. In den bis zu zwanzig Stunden langen Verhören wurde ihm auch das Angebot für die Stasi zu arbeiten unterbreitet, welches er allerdings ablehnte. Seine Familie wurde für lange Zeit über seinen Verbleib im Dunkeln gelassen und durfte ihn bis zu seiner Freilassung Ende 1969, die im Zuge des „Häftlings-Freikaufprogrammes“ der BRD ablief, nur einmal pro Monat besuchen. 

Auch Herr Staiger berichtete von seiner bewegenden Vergangenheit. Er erklärte, dass es trotz des Luxuswaren-Mangels, der Bespitzlung durch die Stasi und der Mauer ein Leben in der DDR, solang man systemkonform war, gut möglich war. Auch Urlaubsreisen, die ihm und seiner Familie sehr viele schöne Momente bescherten, waren in der DDR durchaus möglich. 

Herr Staiger, der mit der Untersuchung und Forschung von Schwermetallen zu tun hatte, sollte aufgrund seines Berufes den Kontakt zu seinen Verwandten im Westen abbrechen und sich von seiner Frau trennen, wenn sie nicht selbiges tun würde. Als er sich aberweigerte und daraufhin einen Ausreiseantrag stellte, verlor es seine Arbeitsstelle. Auch seine Frau wurde versetzt. Zudem wurde seinen Kindern der Besuch der weiterführenden Schule verweigert. So musste also auch Herr Staiger unter der „Diktatur“des SED-Regimes leiden. Da für ihn und seine Familie keine Flucht infrage kam, mussten sie noch zwei weitere Jahre mit den Benachteiligungen und Konsequenzen leben, die ihnen das SED-Regime aufgezwungen hatte, bevor sie in die BRD ausreisen durften. 

In der abschließenden Fragerunde konnten die SchülerInnen noch die Fragen stellen, die sie besonders interessierten. Dabei wurde deutlich, dass es für viele heute kaum noch vorstellbar ist, dass es vor nicht einmal 30 Jahren zwei deutsche Staaten gab, in denen zudem noch so riesige Unterschiede herrschten. Außerdem wurde den Schülern auch das  Schicksal der Menschen, denen die Dinge, die für die Bevölkerung der BRD damals schon Normalität waren und es heute für uns heute immer noch sind, verwehrtblieben, durch die Erzählungen der Zeitzeugen noch einmal auf ganz andere Art und Weise bewusst. Deshalb ist es umso wichtiger, Berichte und Erzählungen von Menschen zu hören, denen damals genau diese Dinge widerfahrensind. So wird vielen Schülern durch die Zeitzeugen erst bewusst, wie glücklich wir uns alle schätzen können, heute in einem freien und demokratischen Deutschland zu leben, dass seine Bürger weder durch eine Mauer oder sonstige Methoden daran hindert, das Land zu verlassen oder sich frei entfalten zu können. Gerade für die junge Generation ist es wichtig, sich dessen bewusst zu sein, und die Schicksale ihrer Vorfahren nicht zu verdrängen. 

Deshalb gilt mein besonderer Dank an dieser Stelle vor allem noch einmal unseren Zeitzeugen, die unserer Schule jedes Jahr wieder die Möglichkeit geben den Schülern genau das zu vermitteln. Außerdem möchte ich mich noch bei Herrn Kühn für die Unterstützung und die Möglichkeit dieser GFS bedanken. 

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