Es ist Freitagmittag. Ich komme von der Schule nach Hause und setze mich mit meiner Familie an den Esstisch. Ein gewöhnliches Mittagessen. Wir reden über das Arbeiten, dann über den Mindestlohn und schon steht sie vor uns: die nächste politische Diskussion. Mittlerweile scheint sie unausweichlich und häufig endet sie damit, dass ich wütend das Esszimmer verlasse. 

Die Diskussion begrenzt sich eindeutig nicht auf das Mittagessen in der Familie. Als ich meinen Bruder und seine Freunde vom Sport abhole, höre ich sie auf dem Rücksitz über die Klimaprogramme verschiedener Parteien streiten. In der Schule setzen wir uns intensiv mit den verschiedensten Parteiprogrammen auseinander. Nicht nur den „Wahl-O-Mat“ habe ich benutzt, sondern zusätzlich „Wahltraut“ und „Sozial-O-Mat“. Gelegentlich schaue ich abends auf dem Sofa TV-Trielle. Auch beim Feiern oder auf sozialen Netzwerken lassen sich politische Themen dauerhaft unmöglich umgehen und das ist auch gut so. Corona und die anstehende Bundestagswahl verstärken dieses Phänomen sicherlich.

 

Ich bin 17 Jahre alt und habe damit das Wahlrecht zur diesjährigen Wahl um circa ein halbes Jahr verpasst. Und doch war da diese kleine Möglichkeit, selbst einmal wählen zu gehen: Die Juniorwahl. Gegründet wurde dieses Projekt 1999 von dem überparteilichen Verein Kumulus e.V. in Berlin. Ziel des Projektes ist es, Jugendliche an Wahlen heranzuführen und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, eine Form von politischer Partizipation mitzuerleben. Anlässlich der diesjährigen Bundestagswahlen beteiligen sich 4500 Schulen in ganz Deutschland an dem Projekt. Auch das Gymnasium Achern, bietet Schüler*innen die Chance, selbst einmal wählen zu gehen. Für mich selbst war die angeführte Juniorwahl gleich auf mehrere Weise ganz besonders. Unter anderem bot sie mir die Möglichkeit nach langer politischer Auseinandersetzung einem Kandidaten sowie einer Partei mein Kreuz zu geben.  Gleichzeitig durfte ich selbst als Teil des Gemeinschaftskunde Leistungskurs diese Wahl als Wahlhelferin mitdurchführen und betreuen. 

Früh am Mittwoch, den 22.09.2021 vor dem Wahlsonntag geht es los. Wir Wahlhelfer*innen holen hintereinander verschiedene Klassen (Klassenstufe 8 bis 12) zum Wählen ab, erklären ihnen davor nochmal das Prinzip von Erst- und Zweitstimme und verdeutlichen auch, dass natürlich niemand zum Wählen verpflichtet ist. Klasse nach Klasse betreten die Schüler*innen das Wahllokal und werfen ihren ausgefüllten sowie gefalteten Stimmzettel in die Wahlurne. Endlich bin auch ich an der Reihe. „Antonia Wengner“ sage ich zur Wahlhelferin. Sie nickt und hakt meinen Namen auf der Liste ab. Ich greife nach dem blauen Zettel, setze mich in die freie Wahlkabine und blicke auf die Liste. Mir war zuvor bereits bewusst, dass ganze 47 Parteien auf dem Stimmzettel stehen würden, aber der Blick auf die lange Liste war zugegebener Weise trotzdem überwältigend. Für den Kandidaten und die Partei hatte ich mich schon im Vorhinein entschieden, das Kreuz mache ich daher schnell und ohne langes überlegen. Und dann schaue ich mir mein Kreuz erneut an und habe plötzlich Angst. Ob mein Kreuz deutlich genug ist? Was wenn sogar diese kleine Stimme, die ich habe, verfällt? Ich bitte die Wahlhelfer*innen um einen neuen Zettel. Wir müssen alle etwas lachen. Es kann doch nicht so schwer sein, zwei Kreuze zu setzen. Und nochmal das gleiche. Diesmal bin ich mir sicher, dass das Kreuz deutlich gesetzt ist. Rückblickend war auch mein erster Wahlbogen deutlich lesbar, aber ich konnte nicht in dem Zweifel leben, diese kleine Chance zu verschwenden. Mir ist klar, dass mir dies bei der offiziellen Wahl nicht hätte passieren dürfen. Es scheint auch mir etwas absurd, wie ich diesem Kreuz so viel Bedeutung gebe, wo es doch nicht mal in eine gesetzliche Wahlentscheidung miteinfließt. Dass die Partei meiner Wahl in den Ergebnissen meiner Schule gut abschneidet, war mir aber dennoch sehr wichtig.      

Der wirklich spannende Teil hingegen, beginnt erst nach Ende der Stimmenabgaben, nachmittags in Raum 23. Voller Neugierde öffnen wir die gefüllten Wahlurnen. Es liegen zwei anstrengende Stunden vor uns. Wir zählen Stimme für Stimme und kontrollieren mehrfach, um Fehler zu vermeiden. Manchmal müssen wir lachen, wegen der Absurdität von Parteikombinationen von Erst- und Zweitstimmen. Aber hauptsächlich überstürzt mich eine Neugierde. Ich will wissen, wieso Schüler*innen wählen, was sie wählen. Am liebsten würde ich alle Schüler*innen persönlich fragen, ihnen zuhören und gegebenenfalls mit ihnen diskutieren. Aber am Ende bleiben es längliche mit jeweils zwei Kreuzen versehene blaue Zettel, die vor mir liegen. So simpel und doch von enormer Bedeutung. Vor allem die Parteien zählen auf Informationen wie diese der Juniorwahl, schließlich sind wir ihre potenziellen Wähler*innen der Zukunft. Nach einem letzten Durchgang der Stimmauszählung liegt es dann vor uns: Das Wahlergebnis der Juniorwahl am Gymnasium Achern. Deckend mit dem Ergebnis der offiziellen Wahl gewinnt auch bei uns der Kandidat der CDU, Wolfgang Schäuble mit 24,7% der Stimmen das Direktmandat für unseren Wahlkreis. Knapp hinter ihm liegt mit 21,6% Thomas Zawalsky, Kandidat der Grünen, sowie Matthias Katsch, SPD, mit 17,1%. Bei der Zweitstimme sieht es dann jedoch etwa anders aus: anders als bei der regulären Wahl siegen bei uns, wie erwartet, die Grünen mit 23,8%. Aber das alles andere als eindeutig: die FDP liegt mit nur einer Stimme hinter den Grünen und kann ganze 22,8% vorweisen. Die SPD folgt mit 14,5%, anschließend die CDU mit 12,7% und die Linke mit 9,7%. Die restlichen Parteien, inklusive AfD, liegen unter 5% und scheitern folglich an der Sperrklausel.  Ich würde lügen, würde ich sagen, dass mich das Ergebnis nicht ein wenig überrasche und gleichzeitig enttäusche. Zwar konnte ich voraussehen, dass die FDP viele Stimmen unter uns Jugendlichen sammeln würde, aber dass sie so nahe an die Grünen herankommen, damit hatte ich nicht gerechnet. Und auch wenn ich mir gewünscht hatte, dass das Wahlergebnis unserer Schule anders aussieht, bin ich trotzdem froh um die Wahl. Zu wissen, dass die eigene Stimme Teil der Ergebnisse ist, fühlt sich gut an. Ich bleibe dabei: Mir ist es wichtig, dass Menschen in meinem Alter eine Stimme haben. Auch wenn das bedeuten mag, dass diese Menschen nicht in meinem Interesse wählen. Wenn ich eins gelernt habe aus dieser Wahl, dann ist es Wahlergebnisse zu akzeptieren und sie vielmehr sogar als Aufruf zu sehen, mich weiterhin im politischen Diskurs zu beteiligen.

Möglicherweise geht es nur mir so. Ich kann nicht einmal für meine Freunde sprechen, geschweige dem für ganze Jahrgänge. Aber was ich weiß, ist, dass wir alle eine Meinung haben und wenn diese nicht gehört wird, frustriert das. Ich glaube nun auch zu verstehen, wieso ich so oft mit meinen Eltern oder anderen Erwachsenen über das Wählen diskutiere: Wenn schon ich selbst nicht wählen kann, versuche ich wenigstens das Wahlergebnis über die Stimme meiner Eltern zu beeinflussen. Meine Lehrerin fragte mich vor einer Weile, wie es sich anfühle, soviel über die Politik zu hören und doch nicht wählen zu dürfen: Ich finde, es fühlt sich etwas an wie Ohnmacht. Um mich herum bewegt sich alles. Ich bewege mich mit. Die Richtung kann ich aber nicht vorgeben. 

Die Juniorwahl bleibt eine einmalige Chance, gibt uns einen Vorgeschmack von dem, was auf uns zukommt und zeigt vor allem, für was wir, die Jungen, stehen. In zwei Jahren ist es dann so weit, ich darf mein erstes offizielles Kreuz bei der Europawahl setzen, aber bis dahin kann ich nicht ruhig bleiben. Es warten noch zahlreiche politische Diskussionen und Demonstrationen auf mich. 

Auf dem Bild: Autorin Antonia Wengner (ganz links) mit ihren Mitschüler:innen bei der Juniorwahl