„Compassion“ oder sozialverpflichtetes Lernen und Handeln am Gymnasium Achern

„Hilfe macht reifer und reicher“ - diese Erfahrung durften schon viele Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Schulen in Baden-Württemberg machen, die an dem Projekt „Compassion“ teilgenommen haben. Die Bezeichnung „Compassion“ stammt aus dem „Angelsächsischen“ und bedeutet soviel wie „Mitleidenschaft“. Entwickelt wurde das „Compassion“-Projekt im Bereich konfessioneller Privatschulen unter der Zielvorgabe, den Umgang mit dem Sozialen zu einem allgemeinen Lernfeld für Schülerinnen und Schüler werden zu lassen. Soziale Kompetenz und Solidarität sollen zu universellen Kulturtechniken werden (wie etwa Lesen, Schreiben, Rechnen). Denn in unserer Gesellschaft herrscht immer mehr die Überzeugung vor, dass Mitmenschlichkeit, Kooperationsbereitschaft und eben soziale Kompetenz im Ganzen unabdingbar für die Gestaltung des 21. Jahrhunderts sind. Natürlich wissen die „Autoren der „Compassion“-Initiative, dass die Schule keine Reparaturwerkstatt für Entsolidarisierungstendenzen in der Gesellschaft sein kann und deshalb schulische Maßnahmen eine begrenzte Reichweite haben. Aber mit Recht wird darauf verwiesen, dass die Schule wie keine andere gesellschaftliche Einrichtung die Jugendlichen über viele Jahre hinweg erreicht und unter anderem den Sinn hat, die Menschen für das Leben in dieser Gesellschaft und für diese Gesellschaft vorzubereiten. 
Und so hat sich in der Zwischenzeit das Projekt „Compassion“ nicht nur im Privatschulbereich etabliert, sondern auch an mancher staatlichen Schule. Am Gymnasium Achern wird „Compassion“ im laufenden Schuljahr 2003/04 zum vierten Mal für Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 angeboten.

 

 

 

Folgende Kurzbeschreibung fasst wichtige Aspekte des Projektes, so wie es hier an unserer Schule verstanden und organisiert wird, zusammen. 

WAS ist „Compassion“?

Compassion ist die Bezeichnung für ein Sozialpraktikum in einer Einrichtung, die sich um Menschen kümmert, die in unserem Schulalltag kaum vorkommen: Alte Menschen, Kinder, Behinderte, Flüchtlinge ...

WO findet „Compassion“statt?

Das Praktikum kann in allen Einrichtungen mit sozialem Bezug absolviert werden, wie z.B. Behinderteneinrichtungen, Altenheim, Pflegeheim, Krankenhaus, Rehaeinrichtung, Pflegedienst für Häusliche Krankenpflege, Kindertagesstätte, Flüchtlingshilfe.

WOZU dient „Compassion“?

Es geht bei diesem Sozialpraktikum nicht primär um die Erkundung eines Berufsfeldes, sondern um soziales Lernen und Handeln außerhalb des Klassenzimmers. D.h. die Teilnehmenden werden mit menschlichen Situationen konfrontiert, die ihnen sonst verschlossen blieben; sie werden sensibel für die Not, das Leid, aber auch das Glück der anderen. So konnten Jugendliche, die bei „Compassion“ mitgemacht haben, die Erfahrung weitergeben, dass der Mensch, den es galt aufzurichten, ihnen selbst zur Stütze wurde. Für diese und andere Erfahrungen soll „Compassion“ Gelegenheit geben. Selbstverständlich dient die Arbeit auch denjenigen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

WER kann an „Compassion“ teilnehmen?

Angesprochen sind alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11, weil hier das letzte Jahr noch der Klassenverband besteht und in der Gemeinschaft der Klasse sich die Teilnehmenden über ihre Praktikumserfahrungen austauschen können. Außerdem soll „Compassion“ keine Konkurrenzerfahrung zur Berufsorientierung („Bogy“) sein, die in Klasse 10 stattfindet.

WIE wird „Compassion“ organisiert?

Nach Information und Rückmeldung können alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 an diesem Sozialprojekt teilnehmen. 
Es finden sowohl vorbereitende als auch nachbereitende Veranstaltungen für die Schülerinnen und Schüler statt. In der Vorbereitung werden z.B. Fachleute aus verschiedenen sozialen Einrichtungen in die Schule eingeladen, die in Kleingruppen ihre Institution und ihr Arbeitsfeld vorstellen. 
Während des Praktikums werden die Teilnehmenden an ihren Einsatzorten, soweit diese im Ortenau-Kreis liegen, von verschiedenen Lehrkräften des Gymnasiums Achern besucht. Um einem Praktikumsplatz sollen sich die Schülerinnen und Schüler wie bei der Berufserkundung („Bogy“) zunächst selbst bemühen. Natürlich unterstützt die Schule die Kontaktaufnahme zu den verschiedenen Institutionen. Besonders der Fachbereich „Religion/Ethik“, aber auch Lehrkräfte aus anderen Fachbereichen wie „Gemeinschaftskunde“ sind in die Betreuung des Projektes eingebunden.
Dauer und der Zeitpunkt des möglichen Praktikums richtet sich einerseits nach den schulischen Gegebenheiten in Klasse 11; andererseits ist ein zweiwöchiges Praktikum sinnvoll. Deshalb kommen am ehesten die letzten sechs Schultage vor den Pfingstferien in Frage. Eine anschließende zweite Woche können die Teilnehmenden dann nach Wunsch in den Pfingstferien absolvieren. Während des Praktikums sind die Schülerinnen und Schüler über die Schule versichert, da es sich bei dem Sozialpraktikum „Compassion“ um eine schulische Veranstaltung handelt.
Anschließend an das Praktikum verfassen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen einen Bericht, in dem sie nochmals wesentliche Erfahrungen zusammenfassen. Sicherlich hilft dabei auch die nachbereitende Veranstaltung, in der auf kreative Weise die Praktikumserfahrungen reflektiert werden.

„Compassion“ findet eine gute Resonanz bei den Jugendlichen. Obwohl es ein freiwilliges Angebot am Gymnasium Achern ist, nimmt bisher ein Großteil der jeweiligen Jahrgangsstufe daran teil. Auch die Reflexion über die Praktikumserfahrungen zeigt erstaunliche Einsichten wie die eingangs genannte oder wie die eines Teilnehmers: „Ich habe bisher unendlich viel Stoff zu lernen bekommen. Das Allermeiste davon werde ich wohl bald vergessen. Aber die Erfahrung dieser Praktikumszeit bleibt mir sicher in Erinnerung.“
Von der Seite der betreuenden Lehrkräfte besteht der Wunsch, das Projekt noch stärker in die alltägliche Unterrichtsarbeit einzubinden. So wie beispielsweise dieses Schuljahr von einer Sportkollegin initiiert wurde, dass ein Behindertensportler den Sportunterricht u.a. auch der Jahrgangsstufe 11 besuchte und teils durch praktische Übungen, teils durch Mitteilung seiner Erfahrungen die jungen Menschen für das Leben mit Behinderung sensibilisierte. 

Ein Fernziel, das sich vom jetzigen Zeitpunkt aus ergibt, ist gewiss, systematisch Schülerinnen und Schülern aller Jahrgangstufen Möglichkeit zu sozialverpflichtetem Lernen und ethischen Handeln zu geben, sei es in Projektform oder in Form von Unterrichtseinheiten. Aber das muss gut überlegt sein.
Zum jetzigen Zeitpunkt darf das „Compassion“-Projekt am Gymnasium Achern als ein kleiner Schritt zum Wagnis der Solidarität und zu einem Einblick in soziale Aufgabenfelder gesehen werden.

 

 


Judith Baßler-Schipperges, Koordinatorin des Projektes „Compassion“