Interview von Ellen mit Herrn Schwan –
Ellen Fuß: Guten Tag Herr Schwan, vielen Dank, dass Sie für das Interview gekommen sind.
Herr Schwan: Hallo, ich freue mich, dass ich hier bin.
Seit ein paar Wochen sieht man Sie als Lehrer hier auf unserer Schule in Achern. Sie haben mir neulich erzählt, dass Sie nur für eine begrenzte Zeit hier sind. Wollen Sie uns erklären, warum?
Ich bin eigentlich KV-Lehrer (Krankheitsvertretung). Ich bin Lehrer und habe ein sogenanntes „Sabbatjahr“. Man meldet es vorher an, arbeitet dann weniger, bekommt auch weniger Geld, und in der Regel kann man im zweiten oder fünften Jahr ein Jahr freimachen. Da ich etwas früher aus diesem Sabbatjahr zurückkommen wollte, hat sich hier die Chance ergeben und meine Mutter wohnt auch hier in der Nähe.
Ah, das ist ja interessant. An welcher Schule unterrichten Sie sonst?
Zuletzt habe ich an einem Gymnasium in einer Großstadt unterrichtet, das ist eine interessante Schule. Besonders ist, dass es eine Schule ist, die mal ein Internat war und wir immer noch Internatsschüler haben.
Wie funktioniert das eigentlich genau, wenn man dieses freie Jahr nimmt als Lehrer? Kennen Sie noch andere Lehrer, die das machen?
Ich kenne relativ viele. Man ist ja als Lehrer ständig auf der Bühne. Man muss pro Minute viele Entscheidungen treffen und wenn man immer Vollzeit arbeitet, wie ich seit 20 Jahren, dann gibt es Situationen, in denen man mit dem Arbeitgeber so ein „Sabbatjahr“ vereinbaren kann. In diesem Jahr kann man das machen, wozu man sonst nicht kommt, z.B. Lesen und reisen. Ich reise ja viel, habe Verwandte auf verschiedenen Teilen der Erde, die ich fast nie sehe. Man kann auch mal sein Zimmer aufräumen, sein Fahrrad reparieren oder sich um seine Frau kümmern, die auch sehr viel arbeitet. Das hält einen gesund. Ich bin nicht mehr ganz jung und finde es sehr gut, dass man dieses „Sabbatjahr“ machen darf. Allerdings wird es in einigen Regionen Deutschlands strikter gehandhabt, weil überall Lehrer gesucht werden.
Welche Fächer unterrichten Sie?
Ich unterrichte Gemeinschaftskunde, Ethik und Englisch. Hier bei euch habe ich Ethik und Englisch, weil das gerade gebraucht wird. Ethik unterrichte ich besonders gern, Englisch auch. In Ethik geht es um die großen Fragen des Lebens: Warum gibt es gerechte Menschen? Warum sind Leute ungerecht? Was ist gut und böse? Was ist Glück? Warum gibt es Arm und Reich?
Waren das auch in der Schule Ihre Lieblingsfächer?
In der Schule war mein liebstes Fach Gemeinschaftskunde, erstaunlich, weil unser Schulbuch eher langweilig organisiert war, nur grau, kaum Fotos. Aber ich fand es spannend, weil es um die aktuelle Welt ging: Krieg und Frieden, Wahlen und die Arbeit der Parlamentarier. Mein Lehrer war in vielen Punkten anderer Meinung, aber er hat mich akzeptiert, weil ich mich so engagierte. Wir haben sehr viel diskutiert und praktisch den Unterricht übernommen, er hat das toleriert und fand es gut. Es war eine interessante Zeit in den 80er Jahren.
Okay, hört sich super an. Welchen Eindruck haben Sie bisher von unserer Schule?
Ich habe einen sehr guten Eindruck. Am ersten Tag sind mir drei Sachen aufgefallen: Ich habe beobachtet, wie eine Mitarbeiterin in der Mensa den Fünftklässlern alles gezeigt hat, sie war geduldig und nett. Man hat gemerkt, dass sie dort gerne arbeitet. Dann habe ich gesehen, wie der stellvertretende Schulleiter einem Schüler half, seinen Raum zu finden. Mir ist auch aufgefallen, dass sich meine Sechstklässler sich gut im Gebäude zurechtzufinden. Sie genießen es, hier zu sein und sind stolz auf darauf. Vielleicht ein bisschen komisch, aber finde ich es spannend, dass nebenan gebaut wird – ich liebe es, zuzusehen, wie Gebäude entstehen, wie z.B. hier das Krankenhaus. Es beruhigt mich, da zuzuschauen, das hängt vielleicht damit zusammen, dass in der Großstadt, in der ich wohne, die letzten Jahre immer viel gebaut wurde.
Interessant, wie Sie das Geschehen beobachten. Gibt es Dinge, die Sie an unserer Schule besonders inspirieren?
Was ich cool finde, ist der Raum, in dem wir uns gerade befinden, der Chillraum. Er ist gut gestaltet. Erstens ist der Name gut – auf Englisch. Und auf meiner Schulzeit gab es so einen Raum auch, aber nur für die Oberstufe. An einer anderen Schule, gab es auch so einen Raum, aber da hat das leider nicht geklappt. Es wurde zu dreckig und es war kein Vertrauen vorhanden. Früher haben solche Räume oft nicht funktioniert. Auch die Handyregelung hier beeindruckt mich, sie klappt insgesamt und ich habe nicht mitbekommen, dass es nicht so klappt. Ich finde es gut, dass es bestimmte Bereiche gibt, wo die Oberstufe das Handy benutzen darf. Mich beeindruckt auch die Schulstraße, durch die die Räume abgehen. Erinnert mich an meine Uni. Insgesamt habe ich einen sehr guten Eindruck von dieser Schule.
Super, freut mich, dass es Ihnen hier gefällt und Sie sich wohl fühlen. Vielleicht wollen Sie ja länger bleiben?
Ich könnte es mir vorstellen. Es ist schön hier. Es ist so, meine Frau ist noch zuhause. Sie ist Schulleiterin an einem französischen Gymnasium dort. Wir waren auch schon mal in Freiburg für ein paar Jahre, da hat es uns gut gefallen.
Was ist der Unterschied zwischen der Schule in Achern und in einer Großstadt?
In der Großstadt verschwinden Schüler schneller, sind leicht abgelenkt durch Kioske oder andere Treffen. Hier ist es ruhiger, trotz der Größe der Schule, auch weil die Erwachsenen und Jugendlichen insgesamt ruhiger und weniger gestresst sind. Sonst ist der Unterschied nicht so groß, ehrlich gesagt.
Leben Sie schon immer in der Großstadt oder haben Sie woanders gelebt?
Die ersten 20 Jahre habe ich in Südbaden gelebt, dann bin ich in eine Großstadt gezogen, zwischendurch habe ich vier Jahre in Freiburg verbracht. Für meine Frau war das fast wie ein Urlaubsgebiet, wo wir da gewohnt haben am Stadtrand. Ein Jahr habe ich in Schottland gelebt und studiert. Das war mein bestes Studienjahr. Meine Mutter kommt aus Glasgow, Schottland. Vielleicht werde ich dort später leben, aber wahrscheinlich eher in London, denn da gibt es eine deutsche Schule. In Schottland gibt es allgemein wenig Deutschlehrer. Das ist schade, denn meine Mutter war in Glasgow früher eine Deutsch- und Französischlehrerin. Insgesamt kann ich es empfehlen, mal weg zu gehen.
Waren Sie schon immer Lehrer oder hatten Sie andere Berufe?
Ich habe eigentlich noch zwei andere Berufe. Ich habe in der Politik als Assistent zweier Bundestagsabgeordneter gearbeitet. Da macht man alles, wozu die keine Zeit haben, z.B. Reden schreiben, Recherchen durchführen oder auch mal ihre Aktentasche holen. Man arbeitet ihr viel mit den Mitarbeitern zusammen. Ich habe auch in der Landesregierung für einen Politiker gearbeitet, was aber leider nicht so gut war, da die dortige Regierung in Schwierigkeiten steckt, z.B. zu wenig Geld hat. Früher war ich auch Steward bei Swiss Air – ein Traumjob für mich. Die Fliegerei hat mich immer fasziniert. Der Job ist zwar super anstrengend, aber ich liebe es heute noch, zu fliegen.
Was finden Sie am schönsten am Lehrerberuf?
Ich komme aus einer Familie, in der alle Berufe ausüben, bei denen man sich kümmert. Das heißt im Englischen „Caring Profession“. Man hat immer das Gefühl, man macht etwas Sinnvolles. Man lernt auch viel von jungen Leuten, z. B. Jugendsprache. Jugendliche sind ehrlich und direkt, das finde ich gut. Ich hatte einen Geschichtslehrer, der mich sehr beeindruckt hat. Er war ein Experte für den Zweiten Weltkrieg, diese Zeit interessiert mich auch. Im Unterricht ist mir klar geworden, dass es sich lohnt, für die Demokratie zu streiten.
Haben Sie viele Lehrervorbilder in Ihrer Familie?
In meiner Familie gab es eine Reihe von Lehrern. Mein schottischer Grandpa war Elektriker und er wurde auch später Lehrer. Seine Frau, meine Grandma, hätte es auch studieren können, aber sie kam aus einer nicht besonders reichen Familie. Meine Grandma war ein humorvoller, kluger, bescheidener Mensch. Sie war vor dem 1. Weltkrieg geboren und ist 101 geworden. Sie hat bis zu 15 Tassen Schwarztee pro Tag getrunken Ihre Tochter- meine Mutter, die ja auch Lehrerin war.
Wie gestalten Sie den Unterricht, damit die Schüler motiviert bleiben?
Schüler brauchen Bewegung und Abwechslung im Unterricht. Sie müssen spüren, dass dem Lehrer ihr Lernfortschritt wichtig ist. Wenn das rüberkommt, dass der Lehrer will, dass die Schüler etwas lernen und er ihnen hilft, ihre Leben zu gestalten, läuft vieles gut.
Welche Pläne haben Sie nach dieser Zeit?
Mein Vertrag dauert bis zum 1. Februar. Danach könnte ich hier noch gebraucht werden, sonst gehe ich wieder nach Hause. Auf jeden Fall mache ich dann Urlaub, vielleicht Skifahren mit meiner Frau, die auch Skilehrerin ist. Oder ich reise nach Schottland.
Haben Sie zum Schluss noch einen Tipp für unsere Schüler?
Ihr habt super Chancen, also nutzt diese! Informiert euch bei älteren Schülern oder Geschwistern. Hört vielleicht auf deren Rat mehr als auf unseren Rat. Macht etwas, das euch Spaß macht. Wenn es keinen Spaß macht, gebt der Sache eine Chance, gebt nicht gleich auf. Man kann später immer noch etwas anderes machen. Man muss heutzutage nicht mehr das Beste gefunden haben, denn man kann nach fünf oder zehn Jahren noch etwas anderes machen. Selbst ich habe das gemacht, obwohl der Lehrerberuf eine Richtung ist.
Vielen Dank für Ihre Zeit. Auf Wiedersehen, Herr Schwan.
Auf Wiedersehen. Hat mich sehr gefreut.
