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Regeln zur Handynutzung sind für Kinder und Jugendliche unerlässlich

Achern (gat). „Sie bekommen heute Abend viele Tipps, aber das Gesamtproblem kann ich nicht lösen“, hat Sozialpädagoge und Medienexperte Clemens Beisel am Montagabend in der Mensa des Gymnasiums Achern zahlreichen Eltern vermittelt und unmissverständlich appelliert, dass sie ihren Kindern bei der Beschäftigung mit ihren Handys Regeln setzen. Zwei Stunden widmete er sich in seinem Vortrag „Soziale Netzwerke und Jugend“ der Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen. Wie notwendig solche Erziehung ist, verdeutlichte er an der DAK-Suchtstudie von 2024. Diese stellte fest: „Rund ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen nutzt soziale Medien problematisch – das entspricht mehr als 1,3 Millionen jungen Menschen. Darunter gelten 4,7 Prozent als abhängig.“ Vor diesem Hintergrund blendete er die kürzlich in der Tagesschau verbreitete Nachricht ein, dass Australien die Nutzung sozialer Medien erst ab 16 Jahren erlauben will. Als Zitat zu diesem Vorhaben war die Aussage des Sprechers der australischen Liberalen Partei, David Coleman, zu lesen: „Wir glauben nicht, dass TikTok für Kinder sicher gemacht werden kann, dass Snapchat jemals für Kinder sicher gemacht werden kann, dass Instagram für Kinder sicher sein kann.“

Clemens Beisel unterfütterte diese Aussage in seinem Vortrag mit der faktischen Feststellung: „Kinder- und Jugendschutz ist in Socials und Spielen kaum existent.“ Statt Schutzmaßnahmen gegen Abhängigkeit vorzunehmen, werde von den anbietenden Big-Tec-Konzernen bewusst die Nutzung von süchtig machenden Mechanismen vorangetrieben, es gehe nur ums Geschäft. Deshalb spiele die Konfrontation der Kinder und Jugendlichen mit rassistischen, volksverhetzenden, sexistischen pornografischen und gewaltverherrlichenden Inhalten für die Konzerne keine Rolle. Dass die Verherrlichung von fragwürdigen Schönheitsidealen und fatalen Rollenbildern gang und gäbe sei, vermittelte er an einem Beispiel-Video und an dem Bold Glamour Filter. Gefahren wie die Anbahnung von sexuellen Kontakten, Chatmöglichkeiten mit Fremden, Abofallen, Werbung und „glücksspielähnliche“ Elemente in Spielen drohten stets und grundsätzlich beim Gebrauch des Handys.  

Clemens Beisel blieb in seinem Vortrag zwar humorvoll und verurteilte nicht, nahm aber die Erwachsenen nicht von der Kritik aus. Er ließ die Anwesenden mal selbst an ihrem Handy kontrollieren, wie oft sie es am Tag nutzen. An der Zahlenreihe 88-11-15 vermittelte er, dass Erwachsene im Schnitt bei 16 Stunden Wachzeit 88 mal am Tag ihr Handy entsperren, was alle 11 Minuten bedeute. 15 Minuten nannte er die Zeit, die benötigt werde, um wieder die volle Konzentration auf das eigentliche Tun zu erlangen. Motivation für das häufige Entsperren des Handys sei der Casino-Effekt, wie beim Einwerfen von Münzen in einen Automaten vielleicht einen Gewinn zu erhalten, oder aber: ja nichts zu verpassen. Kinder und Jugendliche bekämen das bei den Erwachsenen selbstverständlich mit. 200 bis 250 Aktivierungen am Tag seien bei Schülerinnen und Schülern keine Seltenheit, obwohl sie doch eigentlich in der Schule seien und nachts schlafen sollten.

Clemens Beisel ging insgesamt auf eine Reihe von kritischen Aspekten ein, auf Spiele im Netz, auf das „gläserne Ich“ durch das Sammeln von Daten, auf die Schwierigkeit, Fake News zu erkennen, auf emotionale Belastung durch die Fülle negativer Nachrichten und auf Weiteres mehr. Er wünschte sich eine Politik, die das Thema Handy-Gefahren für Kinder und Jugendliche in den Fokus rückt, ein funktionierendes Bildungssystem initiiert und Big-Tec-Konzernen einen ethisch-moralischen Wertekompass aufzwingt. Eltern forderte er auf, gutes Vorbild zu sein, sich für die digitale Beschäftigung ihrer Kinder zu interessieren und sie zu begleiten. Zu Hause wie in der Schule sollten klare Regeln für die Nutzung des Handys gelten, digitale Medien sollten nicht im Kinderzimmer „übernachten“. Nicht zuletzt gab er Tipps zur Information über die Internetseiten www.smarterstartab14.de sowie über sein Angebot www.clemenshilft.de, das über seinen digitalen Elternabend informiert. Auch die Seite hallo[at]clemenshilft.de stand auf der letzten Folie.

Fotos:

Sozialpädagoge und Medienexperte Clemens Beisel informierte im Gymnasium über die Nutzung des Handys und damit verbundene Probleme und Gefahren für Kinder und Jugendliche